Der Wildlife-Fotografie Guide Teil 3/4
Bär in Finnland bei 700 mm | 1/25 s | ISO 2000
Wildlife Fotografie Teil 3: Magisches Licht & dunkle Wälder – Low Light Wildlife
Willkommen zurück zu unserer vierteiligen Wildlife-Serie! Nachdem wir im letzten Teil rasante Action und fliegende Vögel eingefroren haben, drosseln wir heute das Tempo, erhöhen aber den Schwierigkeitsgrad für unsere Kameras.
Wer Tiere in freier Wildbahn fotografieren möchte, lernt schnell eine Sache: Die spannendsten Dinge passieren oft dann, wenn das Licht am schwächsten ist. Egal ob im dichten, dunklen Wald, in der späten Abenddämmerung oder im tiefen Morgengrauen. Exakt dann sind Rehe, Füchse, Eulen und Co. am aktivsten. Doch wenn das Licht schwindet, beginnt für uns Fotograf*innen die eigentliche Herausforderung. Wie meistern wir die „Low Light“-Fotografie, ohne am Ende nur verwaschene Pixel zu sammeln? Brauchen wir zwingend die unendlich teuren Fixbrennweiten, oder sind die tollen Momente auch mit anderen Objektiven möglich?
Ein scharfes Bild von diesem Dajalschama bei effektiven ISO 16000 (noch ohen Rauschreduzierung) 100% Vergrößerung
1. ISO-Management: Warum Rauschen besser ist als Unschärfe
Viele Fotograf*innen haben eine geradezu panische Angst vor hohen ISO-Werten. Die Kamera auf ISO 6400, 12800 oder gar 25600 hochzuschrauben, fühlt sich irgendwie nicht richtig an. Doch in der Wildlife Fotografie bzw. in der Fotografie im Allgemeinen gilt Folgendes: Ein scharfes Bild mit Rauschen ist besser als ein verwackeltes, rauscharmes Bild.
Ein körniges Foto eines Fuchses in der Dämmerung transportiert Stimmung und Charakter - beim Betrachten stellen wir uns unterbewusst die äußeren Bedingungen vor, fühlen die kühle Morgenluft auf der Haut. Ist der Fuchs jedoch verschwommen, weil du die ISO künstlich niedrig gehalten und dadurch eine zu lange Verschlusszeit riskiert hast, wandert das Bild direkt in den Papierkorb.
Neue Technik: Moderne KI-Entrauschungssoftware wie z.B. in Lightroom, Topaz Photo AI oder DxO PureRAW leisten heute wahre Wunder. Diese Programme können massives ISO-Rauschen entfernen und gleichzeitig feine Details wie Fell oder Federn erhalten. Du darfst also mutig sein – dreh die ISO hoch, um deine Verschlusszeit zu retten! Natürlich will ich jetzt nicht dazu anregen ohne Grund eine zu hohe Iso zu verwenden, aber gewisse Momente bei sehr schwachem Licht können durchaus ohne große Verluste gerettet werden.
100% Ansicht vor Rauschreduzierung
Fertiges Bild: Dieser Hainparadies-Schnäpper wurde mit ISO 8000 im indischen Wald nahe Jaipur aufgenommen
Zwei Leoparden-Geschwister spielen miteinander bei schlechten Lichtverhältnissen. Das Licht schwindet, doch ich versuche noch die letzten Momente unseres Tages mit ISO 12800 einzufangen.
2. Die Schmerzgrenze der Verschlusszeit finden
Wenn das Licht fehlt, müssen wir das Objektiv länger geöffnet lassen. Aber wie weit kannst du mit der Verschlusszeit nach unten gehen, ohne dass das Bild verwackelt? Das hängt stark vom Verhalten des Tieres ab.
Steht das Tier absolut still – etwa ein grasendes Reh, das kurz aufblickt, oder ein Wolf, der seine Umgebung bewusst wahrnimmt – kannst du die Verschlusszeit extrem drosseln, manchmal auf 1/100s, 1/50s oder sogar noch länger. Hierbei ist deine eigene Technik entscheidend:
Atemtechnik: Drücke den Auslöser langsam durch, während du ruhig und kontrolliert ausatmest. Das minimiert die Mikrobewegungen deines Körpers. Und ja, es mag etwas komisch klingen, funktioniert aber wirklich. Diese Technik wende ich seit Jahren an und mittlerweile mache ich das bereits ohne darüber nachzudenken.
Haltung: Mach dich kompakt. Stütze die Ellenbogen eng am Körper ab, lehne dich an einen Baum oder nutze den Boden oder einen Bohnensack als stabile Unterlage für dein Teleobjektiv. Alternativ kannst du dich auch mit deinem Ellenbogen auf dein Knie abstützen und somit eine solide und angenehme Haltung einnehmen, die dir gute Belichtungszeiten ermöglichen. Wenn du keine Scheue hast, dich auf den Boden zu setzen, dann empfehle ich auch sehr, das Objektiv auf deine Füße abzulegen und die Kamera mit den Händen festzuhalten. Dadurch hast du eine flexible und doch angenehme, stabile Position aus einem tollen Winkel.
Weißer Wolf in Finnland bei 1/15 ! Sekunde Belichtungszeit und ISO 500
An diesen Augenblick im finnischen Wald kann ich mich noch sehr gut erinnern. Ich saß gemeinsam mit zwei lieben Menschen im Zuge meiner Fotoreise in Finnland in einer Beobachtungshütte. Seit mehreren Stunden sitzen wir ohne jegliche Geräusche von uns zu geben. Langsam schwindet das Licht und wir geben uns noch eine halbe Stunde, bevor wir beschließen, uns abwechselnd etwas auszuruhen. Plötzlich sehen wir in der Entfernung, von rechts kommend eine Bewegung. Ein Wolf, ein Wolf!! Unvorstellbar, diesen Geist des Waldes zu sehen. Und das Beste daran - er ist nicht alleine. Ein Männchen und ein trächtiges Weibchen streifen gemeinsam durch den Wald.
Das Verhalten ist ganz anders als das von Bären. Immer wieder bleiben Sie völlig Regungslos stehen und blicken in eine Richtung. Das gibt uns Zeit die Auslösegeschwindigkeit zu verringern. Ich gebe den Tipp, die Belichtungszeit in Stufen zu verlängern um eine höhere Qualität zu erhalten und so schrauben wir fleißig am Rad. Zuerst sind wir noch bei ISO 12800 und schneller Zeit, dann ISO 3200 und 1/120 s und später lande ich bei 1/15 s und ISO 500. Aus der Serie von 8 Bildern konnte ich noch ein absolut gestochen scharfes Bild erzielen und somit war die schnelle Reaktion und die Anwendung dieser Technik ein absoluter Gewinn für dieses Bild.
3. Bildstabilisierung (IBIS & Lens IS): Wann sie hilft und wann nicht
Moderne Kameras und Objektive sind mit fantastischen Bildstabilisatoren ausgestattet (IBIS im Kameragehäuse, optischer Stabilisator im Objektiv). Diese Technik gleicht das Zittern deiner Hände aus und erlaubt es dir, die oben genannte „Schmerzgrenze“ der Verschlusszeit weiter auszureizen.
Aber auch das hat Grenzen! Ein Stabilisator beruhigt nur deine Bewegungen, nicht die des Motivs. Aber das ist dir bestimmt bereits bewusst.
Szenario A (Die sitzende Eule): Das Tier ist regungslos. Der Stabilisator ist ein Segen und erlaubt dir gestochen scharfe Aufnahmen bei sehr wenig Licht aus der Hand. Mit dem Stativ kannst du teilweise auch Sekundenlange Belichtungen von Eulen machen.
Szenario B (Der rennende Fuchs): Der Fuchs bewegt sich schnell durch den Wald. Hier ist der Stabilisator nahezu nutzlos. Du brauchst zwingend eine kurze Verschlusszeit (z.B. 1/1000s), um den Fuchs einzufrieren. In solchen Situationen kannst du auf zwei unterschiedliche Arten reagieren. Entweder arbeitest du mit einer hohen Iso und reduzierst das Rauschen im Nachgang, oder du machst eine kreative Aufnahme, verwendest die Stufe 2 deines Bildstabilisators am Objektiv und machst einen Mitzieher des Tieres. Dabei wird das Objektiv nur nach Oben und Unten stabilisiert und du kannst mit etwas Glück den Kopf des Fuchses einigermaßen scharf abbilden.
Spotted Owl bei 800 mm Brennweite und 1/200s aus der Hand fotografiert
4. ETTR oder doch Rauschreduzierung
ETTR steht für Expose To The Right und das ist eine gängige Technik für die unterschiedlichsten Spielarten in der Fotografie. Darunter verstehen wir eine möglichst helle Belichtung, wodurch jedes Pixel im Bild die maximale Helligkeit sammelt, ohne Kontraste zu verlieren. Das ist besonders tolle bei Landschaftsfotografie und statischen Motiven. Besonders deutlich wird dieser Effekt bei weniger kontrastreichen Motiven, bei denen wir die Helligkeit deutlich erhöhen können, bevor es zu Verlusten kommt. Gibt es einen starken Kontrast im Bild, so ist es häufig ratsam für die hellsten Bildbereiche zu belichten und auch das wäre ETTR. So hell wie möglich, aber so dunkel wie nötig.
Bei extremem Low Light ist häufig eine Kombination aus richtig belichtetem Motiv und stärkerem Rauschen die Methode der Wahl. Die wahre Qualität der Bilddatei setzt sich immer aus der Blende und der Belichtungszeit zusammen. Wenn wir die Blende öffnen können, oder die Belichtungszeit verlängern, erhalten wir mehr Information und eine schönere Aufnahme.
Irgendwo muss man also immer Abstiche machen und so ist es teilweise nicht vermeidbar, Bilder mit extrem hoher ISO und daher auch starkem Rauschen aufzunehmen. Doch das ist heute kein großes Thema mehr. Mittlerweile gibt es wunderbare Software für natürliche Rauschreduzierung. Wenn man die Regler nicht alle bis ans Maximum schiebt bekommt man tolle und natürliche Ergebnisse, die sich wirklich sehen lassen können. Früher habe ich gerne die Software von Topaz Labs verwendet und aktuell ist DXO Pure Raw 6 die Software meiner Wahl.
Tiger im Ranthambhore NP, Indien
5. Kreative Mitzieher
Nicht immer muss alles scharf abgebildet sein, denn irgendwann ist auch die Grenze für die besten und teuersten Objektive erreicht. Und egal, ob dabei war rauskommt oder nicht, macht es häufig richtig spaß noch länger vor Ort zu bleiben und die Atmosphäre auzusaugen. Wir beobachten die Tiere und versuchen sie im Flug zu erwischen. Doch es entsteht kein schafes Bild, keine detailreich Aufnahme, sondern ein kreativer Exkurs in die wunderschöne Welt der Formen und Farben. Schon mal probiert?
Seeadler in Norwegen bei 1/20 s
Das Fotografieren bei wenig Licht erfordert Übung, Geduld und Vertrauen in die eigene Ausrüstung. Lass dich von etwas Bildrauschen nicht abschrecken, sondern genieße die magische Atmosphäre der Dämmerung! Im vierten und letzten Teil unserer Serie runden wir das Thema ab. Bis dahin: Viel Spaß im dunklen Wald!