Der Wildlife-Fotografie Guide Teil 2/4

Bienenfresser aus dem Tarnzelt in Ungarn bei 800mm f/8

Vögel im Flug (Birds in Flight) & schnelle Action fotografieren

Willkommen zum zweiten Teil unserer Wildlife-Serie! Nachdem wir uns im ersten Beitrag mit den Grundlagen beschäftigt haben, widmen wir uns heute der absoluten Königsdisziplin der Tierfotografie: „Birds in Flight“ (BIF) und rasanter Action.

Jeder, der schon einmal versucht hat, einen fliegenden Vogel oder ein schnell laufendes Tier formatfüllend und knackscharf abzulichten, kennt beides: die grenzenlose Faszination, wenn es klappt – und die Herausforderung, wenn man am Ende des Tages nur unscharfe Flügelspitzen oder einen leeren Himmel auf der Speicherkarte findet. Aber keine Sorge: Mit der richtigen Ausrüstung und den passenden Kameraeinstellungen meisterst du diese fotografische Facette. Hier geht es um pure Geschwindigkeit und absolute Präzision. Übung ist dafür definitiv auch ein wesentlicher Aspekt.

Wiedehopf, aufgenommen aus dem Tarnzelt in Ungarn bei 300mm f/2.8

1. Die optimale Ausrüstung für Action-Aufnahmen in der Natur

Bevor wir zu den Einstellungen kommen, werfen wir einen Blick in den Fotorucksack. Für schnelle Action in der Wildlife Fotografie wird deine Technik stärker gefordert als bei ruhigen Porträts.

  • Das Objektiv (Brennweite ist King): Um fliegende Vögel oder scheue Säugetiere groß ins Bild zu bekommen, brauchst du Reichweite. Ein Teleobjektiv mit mindestens 300mm, besser 600mm oder 800mm ist ideal. Sogenannte Super-Tele-Zooms (z.B. 200-600mm oder 400-800mm) bieten ein fantastisches Preis-Leistungs-Verhältnis und die nötige Flexibilität, um das Tier im Sucher zu finden und dann heranzuzoomen.

  • Die Distanz: Je näher du an ein Tier rankommen kannst, ohne dieses zu stören, umso besser die Bildqualität, weil man ganz einfach durch weniger “Atmosphäre” hindurch fotografiert. Probleme wie Hitzeflimmern oder Unschärfe durch Autofokus-Ungenauigkeit fallen weitgehend weg.

  • Die Kamera: Grundsätzlich kannst du mit jeder modernen Kamera Action fotografieren. Moderne spiegellose Systemkameras (DSLM) haben hier allerdings stark die Nase vorn, da ihre KI-gestützten Autofokus-Systeme rasend schnell sind und zusätzlich über eine intelligente Motiverkennung verfügen. Diese können zwischen Säugetieren und Vögeln unterscheiden, oder auch Autos und Flugzeuge erkennen.

  • Speicherkarten: Unterschätze dieses Zubehör nicht! Bei Serienbildern fließen riesige Datenmengen. Du benötigst zwingend sehr schnelle Speicherkarten (UHS-II SD-Karten oder CFexpress), damit deine Kamera beim Fotografieren nicht ins Stocken gerät.

  • Gimbal-Stativkopf: Wenn du ein schweres Objektiv nutzt, ist ein Stativ mit einem Gimbal Kopf wirklich von Vorteil. Du kannst die schwere Kamera damit buchstäblich mit dem kleinen Finger bewegen und Vögeln am Himmel mühelos folgen. Der Platzbedarf kann in Fotohides allerdings häufiger etwas mühsam sein.

Sichler in der Camargue, Aufgenommen aus dem Floating Hide bei 690mm f/8

2. Das Einfrieren der Zeit: Die richtigen Verschlusszeiten

Wenn Action angesagt ist, ist die Verschlusszeit (Belichtungszeit) die wichtigste Kameraeinstellung. Ist sie zu lang, verschwimmt das Motiv. Willst du die Bewegung komplett „einfrieren“, musst du wirklich schnelle Belichtungszeiten verwenden. Doch das hängt auch sehr stark vom Motiv ab, was wirklich schnell bedeutet.

Blauracke aus dem Tarnzelt in Ungarn bei 600mm und 1/3200 s Belichtungszeit

  • Vögel im Flug (Birds in Flight): Ein guter Richtwert für fliegende Vögel liegt zwischen 1/2000s und 1/4000s. Kleinere, extrem flinke Vögel wie Schwalben oder ein Eisvogel im Sturzflug verlangen oft sogar nach 1/6400s. Bei großen, majestätisch gleitenden Greifvögeln kommst du manchmal auch mit 1/1600s aus.

  • Rennende Säugetiere: Ein sprintender Fuchs oder galoppierende Rehe sind etwas fehlerverzeihender. Hier bist du mit 1/1000s bis 1/1600s meistens auf der sicheren Seite, um Muskelanspannung und aufgewirbelten Staub gestochen scharf abzubilden.

3. Autofokus-Feintuning für Birds in Flight

Die kürzesten Verschlusszeiten nützen nichts, wenn der Fokus nicht sitzt. Die Bewegung von Tieren ist nur sehr schwer vorhersehbar, weshalb du dein Autofokus-System (AF) optimal auf die Situation abstimmen musst.

Der Segen moderner Kameras: Tieraugen-Autofokus (Animal Eye-AF) Wenn du mit einer aktuellen DSLM fotografierst, hast du einen enormen Vorteil. Die Kamera kann nicht nur Tierkörper, sondern gezielt das Auge des Tieres erkennen und kontinuierlich verfolgen. Bietet deine Kamera dieses Feature: Unbedingt einschalten! Es nimmt dir unglaublich viel Arbeit ab und ermöglicht besonders bei den hochwertigen, lichtstarken Teleobjektiven einen großen Benefit.

Fokus-Zonen: Warum ein einzelner Punkt nicht reicht Bei einem sitzenden Tier ist ein kleiner Fokuspunkt ideal. Mit diesem kleinen Punkt ein Motiv zu verfolgen ist allerdings nicht so easy. Zu groß sollte das Fokusfeld auch nicht unbedingt sein, damit der Hintergrund nicht vom Motiv ablenkt und an dessen Stelle scharf abgebildet wird. Im Allgemeinen ist der Autofokus und die Features, die man einstellen kann einer der größten Unterscheidungsmerkmale moderner Kameras. Nicht nur zwischen den unterschiedlichen Brands, sondern auch innerhalb der einzelnen Produkte einer Marke.

  • Mein Fokus für Action: Ich nutze verschiedene Fokusfelder, zwischen denen ich schnell wechseln kann, ohne mein Auge vom Sucher nehmen zu müssen. Dabei ist eines davon ein größeres Feld und ein weiteres ist der gesamte sichtbare Bereich im Sucher. Je nachdem wie der Hintergrund ist und wie schenll das Motiv ist, verwende ich diese Felder in Kombination mit dem Tracking Modus. Solange du den Vogel in dieser Zone hältst, bleibt der Fokus am Motiv hängen und der Vogel ist über die gesamte Serie hinweg super scharf abgebildet.

Nachtreiher in Ungarn bei 800mm

Wichtig zu erwähnen ist natürlich auch, dass nicht jedes Objektiv die Linsenelemente in der gleichen Geschwindigkeit bewegen können und daher ist auch dies ein äußerst relevanter Faktor für wirklich beeindruckende und schnelle Serien.

4. Serienbildgeschwindigkeit: Viel hilft viel?

Um den perfekten Moment – den exakten Flügelschlag oder das Abspringen vom Boden – zu erwischen, nutzt du den Burst Mode. Aber wie viele Bilder pro Sekunde (fps / frames per second) braucht man wirklich? Ich finde diese Frage sehr schwierig zu beantworten.

  • 10 bis 20 fps sind für die meisten Action-Situationen in der Naturfotografie ein fantastischer Wert. Je schneller sich die Tiere bewegen umso mehr Facetten können mit höheren Serienbildgeschwindigkeit dargestellt werden..

  • Noch höhere Raten (30, 60 oder gar 120 fps) benötigen natürlich mehr Speicher, schnellere Karten und etwas mehr Zeit beim Sortieren. Für die rasche Sortierung der Bilddateien, bietet eine Workflowoptimierung allerdings eine hervorragende Abhilfe.

Meine aktuelle Hauptkamera hat eine Serienbildgeschwindigkeit von 30 fps und damit bin ich sehr zufrieden. Allerdings habe ich auch immer wieder eine Kamera im Einsatz, die 120 fps aufnehmen kann. Besonders bei superschnellen Vögeln erreicht man dadurch wunderschöne Flügelpositionen und interessante Momente, die man ohne diese extreme Geschwindigkeit unmöglich sehen könnte.

Für mich ist die Geschwindigkeit der Kamera ein Nice to have, allerdings ab einem gewissen Wert, nicht das einzige Kaufkriterium. Außerdem hängt es extrem Stark vom Einsatz ab.

Pirol in Ungarn bei 800 mm Brennweite

5. Kreativer Exkurs: Dynamik durch Mitzieher (Panning)

Bewegung in der Fotografie immer nur einzufrieren, kann auf Dauer statisch wirken. Willst du echte Geschwindigkeit transportieren, versuche es mal mit dem genauen Gegenteil: dem Mitzieher.

Anstatt 1/2000s wählst du hierbei ganz bewusst eine deutlich längere Verschlusszeit, zum Beispiel 1/60s oder 1/80s. Bei etwas vorhersehbareren Bewegungen kannst du auch noch tiefer gehen und mit 1/15s arbeiten. Zieht das Tier parallel an dir vorbei, verfolgst du es in einer weichen, fließenden Bewegung mit der Kamera – und drückst währenddessen ab. Auch hier verwende ich die Serienbildfunktion, da häufig ein Bild relativ gut gelungen ist und der Großteil der Serie eher weniger Brauchbar ist.

Der Effekt: Wenn du das Tempo des Tieres genau triffst, bleiben der Kopf oder der Rumpf relativ scharf. Der Hintergrund hingegen verwischt zu wunderschönen, dynamischen Streifen (Bewegungsunschärfe). Panning erfordert viel Übung und produziert viel Ausschuss, aber wenn der eine „Keeper“ dabei ist, hast du ein absolutes Meisterwerk geschaffen. Besonders gerne mache ich diese Art der Fotografie, wenn das Licht eigentlich schon fast weg ist, und ich trotzdem noch fotografieren möchte. Bzw. am frühen Morgen, bevor ich das erste Scharfe Bilde aufnehmen kann.

Flamingos in der Camargue bei 1/15 s Belichtungszeit und 750mm Brennweite

Bereit für Action? Schnapp dir deine Kamera und probiere es aus! Im nächsten Teil unserer Serie widmen wir uns dann der Seele eines jeden guten Bildes: der perfekten Lichtstimmung und spannenden Bildkompositionen.

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Der Wildlife-Fotografie Guide 1/4