Der Wildlife-Fotografie Guide 1/4

Basics zur Tierfotografie-weg von der Automatik

Wir alle kennen diesen Moment: Du bist in der Natur unterwegs, plötzlich taucht ein Vogel am Waldrand auf oder ein Reh kreuzt deinen Weg. Das Herz klopft, du reißt die Kamera hoch, drückst ab – und zu Hause am Rechner die große Enttäuschung. Das Bild ist verwackelt, unscharf oder das Tier ist nur ein dunkler Fleck.

Wenn du noch mit dem Automatikmodus arbeitest, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass dich in dieser Situation keine Schuld trifft. Die Kamera hat große Schwierigkeiten, komplexe Situationen richtig einzuschätzen und fordernde Aufgaben zu meistern.

Warum? Weil unsere Kameras, so schlau sie heute auch sind, im Automatikmodus nicht wissen, dass da gerade ein wildes, unberechenbares Tier vor der Linse steht. Die Automatik ist so programmiert, dass du bei Familienausflügen mit ausreichend Licht oder einer ruhigen Situation in der Landschaft bzw. in der Stadt passende Einstellungen hast. Doch sobald das Motiv etwas schwieriger zu finden ist, die Lichtverhältnisse eine Herausforderung bieten und schnelle Bewegungen im Spiel sind, stößt die Vollautomatik der Kamera an ihre Grenzen. Wir müssen also die Kontrolle über unsere Kamera übernehmen! Hier sind die wichtigsten Elemente, die du für die (Wild-)Tierfotografie benötigst.

1. Die Verschlusszeit ist dein bester Freund

In der Landschaftsfotografie ist oft die Blende der wichtigste Faktor – in der Tierfotografie ist es fast immer die Verschlusszeit (Shutter Speed). Tiere bewegen sich. Selbst ein scheinbar still sitzender Vogel zuckt permanent mit dem Kopf.

Ist deine Verschlusszeit zu lang, entsteht Bewegungsunschärfe. Um diese Mikrobewegungen einzufrieren, brauchst du kurze Belichtungszeiten.

  • Faustregel für ruhige Tiere: Starte bei mindestens 1/500 Sekunde.

  • Wenn sich das Tier bewegt, musst du deutlich kürzer belichten (dazu mehr in Teil 2 dieser Serie!).

2. Die Blende: Stell dein Motiv frei

Wildtiere leben in der Regel nicht vor weißen Studio-Leinwänden, sondern im Wald, im Gebüsch oder im hohen Gras. Wenn alles im Bild scharf ist, geht dein Motiv im unruhigen Hintergrund völlig unter.

Hier kommt die Blende (Aperture) ins Spiel. Wähle eine möglichst kleine Blendenzahl, also eine große Blendenöffnung, z. B. f/4, f/5.6 oder f/6.3, je nachdem, was dein Objektiv hergibt. Das hat zwei gigantische Vorteile:

  1. Der Hintergrund verschwimmt in einer schönen Unschärfe (Bokeh) und lenkt den Blick direkt auf das Tier.

  2. Es fällt mehr Licht auf den Sensor, was uns bei den notwendigen kurzen Verschlusszeiten extrem hilft.

3. Die Geheimwaffe der Profis: Auto-ISO im Manuellen Modus

Viele Anfänger:innen haben Angst vor dem Manuellen Modus (M). Aber in der Wildlife-Fotografie gibt es einen Trick, der ihn kinderleicht macht: Auto-ISO.

Du stellst die Kamera auf "M" und legst deine Wunsch-Blende (meist offen, also kleine Zahl) und deine Wunsch-Verschlusszeit (z. B. 1/1000s) fest. Den ISO-Wert stellst du jedoch auf "Automatisch".

Jetzt passiert die Magie: Du hast die volle kreative Kontrolle über Bewegung (Verschlusszeit) und Schärfentiefe (Blende). Zieht plötzlich eine Wolke vor die Sonne oder das Tier läuft vom hellen Feld in den dunklen Wald, gleicht die Kamera die Belichtung völlig automatisch über den ISO-Wert aus. Du musst nicht nachdenken, sondern kannst dich voll auf den perfekten Moment konzentrieren.

(Tipp: Begrenze im Kamera-Menü den maximalen Auto-ISO-Wert auf die Schmerzgrenze deiner Kamera, z.B. ISO 6400, damit die Bilder nicht zu extrem rauschen).

4. Der richtige Autofokus: Bleib in Bewegung!

Ein Tier wartet nicht bis du scharfgestellt hast. Wenn du den Standard-Autofokus (AF-S / One-Shot) verwendest, stellt die Kamera einmal scharf und speichert diese Entfernung. Macht das Tier dann auch nur einen Schritt auf dich zu, ist es auf dem Foto unscharf.

Die Lösung: Stelle deinen Autofokus auf AF-C (bei Canon "AF Servo" genannt). Das ist der kontinuierliche Autofokus. Solange du den Auslöser halb durchgedrückt hältst, verfolgt die Kamera das Motiv und stellt die Schärfe permanent nach.

Fazit: Dein neues Standard-Setup

Wenn du das nächste Mal in die Natur ziehst, probiere folgendes Setup aus:

  1. Modus auf M

  2. Blende weit auf (kleinste f-Zahl deines Objektivs)

  3. Verschlusszeit auf 1/500s (oder kürzer)

  4. ISO auf Auto-ISO

  5. Autofokus auf AF-C

Du wirst sofort merken, dass du viel weniger Ausschuss produzierst!

5. Deine Position macht den Unterschied

Der erste Schritt in der Tierfotografie ist es, das Tier überhaupt mal zu finden. Und je nach Tierart ist das auch ganz schön schwierig. Gerade aus der Camargue zurück, drängt sich als Beispiel natürlich der Flamingo auf und hier habe ich drei Bilder für dich, die ich gerne nebeneinander mit dir vergleichen möchte. Alle drei Bilder sind auf der selben Reise entstanden und zeigen verschiedene Entwicklungsstufen von ein und demselben Motiv.

Flamingo / Sony A1II + Sony 400-800 mm

Erste Stufe / der Doku-Shot

Zumeist ist die erste Stufe das Aufspüren des Tieres und man ist glücklich, das Tier gesehen und ein scharfes Foto davon zu haben. Dass dieses Foto alles andere als gelungen oder beeindruckend ist, brauche ich, glaub ich, auch nicht extra zu erwähnen. Das Licht ist in diesem Fall ziemlich flach, mit dieser Komposition langweilig und auch die Pose vom Flamingo ist sehr statisch. Außerdem ist das Bild nicht ganz gerade. Wenn du genauer auf den Hintergrund achtest, dann siehst du die Uferlinie, die auf der rechten Seite nach unten kippt. Zusätzlich ist ein dunkler Schatten im Vordergrund, vielleicht ein Zweig oder eine Pflanze die zwischen Motiv und Kamera war.

Flamingos / Sony A1II + Sony 400-800mm

Zweite Stufe / Dynamik und gute Position

Für mich eine deutlich gelungenere Aufnahme mit mehr Dynamik und einer besseren Komposition entstand aus einer tieferen Position. Hier ist die Kamera auf Augenhöhe mit dem Motiv, wodurch der Hintergrund eine eigene Ebene bildet, die sich klar vom Motiv abgrenzt. Beide Flamingos sind in Bewegung und die Beinhaltung sowie die Wassertropfen zeigen das deutlich. Das Licht ist allerdings noch nicht ganz das, was wir uns wünschen würden. Die Stimmung ist schön und neutral, kann jedoch noch besser sein…

Flamingos im Morgenlicht / Sony A1II + Sony 300 2.8 mit 1,4x TC

Dritte Stufe / Gutes Licht und gute Position

Für wirklich ansprechende Bilder ist meist das richtige Licht entscheidend. Und damit meine ich nicht, dass nur Bilder mit tollem, rot gefärbten Himmel gut sind. Nein, es gibt auch zahlreiche Aufnahmesituationen, wo ein diffuses oder ganz hartes Licht die beste Wahl sind.

Warum ich mich für dieses Bild entschieden habe ist, dass hier der Flamingo ganz klein im Bild ist. Meiner Meinung nach müssen die Tiere nicht immer riesig im Bild sein. Natürlich sind Details auch beeindruckend. Jedoch könnte ich intime Details auch im Zoo anfertigen (nicht das, was ich machen möchte).

Hier ist der Flamingo in seiner natürlichen Umgebung und in einem tollen Licht. Die Position habe ich hier ganz bewusst gewählt und die Bewegung des Tieres antizipiert. Mit der Kamera bin ich dafür ganz auf den Boden gegangen, um wirklich eine maximale Separation sowie die Überlagerung mit der aufgehenden Sonne zu bekommen. Für mich eine sehr ansprechende Aufnahme, die man auch mit relativ günstigem Equipment aufnehmen kann. Hier ist es völlig egal, welche Kamera du verwendest. Eine kleine APS-C Kamera mit Standardobjektiv (z.B.: Sony 70-350mm) hätte mir ein sehr ähnliches Ergebnis ermöglicht. In vielen Fällen ist ein leichtes und gut handhabbares Equipment besser als das lichtstärkste Setup zum Preis eines Kleinwagens.

In Teil 2 unserer Serie wird es rasant: Wir schauen uns an, wie du Vögel im Flug und atemberaubende Action-Szenen messerscharf auf den Sensor brennst. Bleib dran!

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